Geistige Entwicklung

Die Technik hat das Gesicht der Erde und die Lebensbedingungen der Menschen stark verändert. Man könnte meinen, das hätte Auswirkungen auf die Menschen, sie hätten nicht nur die Technik, sondern auch ihre Art geistig und emotional weiterentwickelt.

Während technische Errungenschaften aufeinander aufbauen und sich außerhalb des Menschen abspielen, müssen geistige und emotionale Entwicklungen von jedem Menschen selbst durchlaufen werden. Jeder neugeborene Mensch fängt dabei wieder ganz von vorne an. Je nach Erziehung und Bildung kann er ein Steinzeitmensch oder ein Nobelpreisträger werden. Alle kulturellen Errungenschaften seiner Vorfahren muss er sich Stück für Stück aneignen, was nur mit viel intelligenter Unterstützung durch erfahrenere Mitmenschen gelingt.

Mitgeteiltes Wissen kann dabei individuelle Erfahrungen nicht ersetzen. Niemand erwartet, dass jemand durch Lesen einiger Bücher ein guter Musiker oder ein Spitzensportler wird, jeder weiß, dass sehr viel Übung und gute Lehrer nötig sind. So ist es auch bei der Entfaltung der Persönlichkeit. Bloße Informationen und Belehrungen helfen wenig, wenn es an Vorbildern, Verständnis und Übung mangelt.

Der Mensch ist nicht nur von seiner mehr oder weniger ausgebildeten Vernunft und seinem Wissen, sondern primär von seinen Erfahrungen, Leidenschaften, Affekten, Schwächen, Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen angetrieben. Wenn Menschen etwas nicht wahr haben wollen, ist es nicht wahr. Sie bringen es fertig, fest an Dinge zu glauben, von denen sie genau wissen, dass sie nicht wahr sind. Sie lassen sich leicht von phantastischen und durchaus irrationalen Geschichten begeistern, ihr Enthusiasmus für die Realität ist hingegen eher bescheiden. Der Effekt der Erziehung und Bildung ist begrenzt und individuell verschieden.

Es gibt bis heute kaum nützliche Fortschritte in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie und Theologie im Vergleich zu den alten griechischen, chinesischen, persischen, indischen, indianischen und römischen Lehren. Im Gegenteil.

  • Die Mehrzahl der Politiker ist mehr mit dem Ausbau und Erhalt ihrer Position beschäftigt als mit der Lösung von Regierungsaufgaben. Ihnen fehlt oft der Mut und das Interesse, sich für alle ihre Wähler einzusetzen und nicht nur für die wenigen besonders Einflussreichen.
  • In der Wirtschaft geht es ausschließlich um die Maximierung des Profits. Dies führt in vielen Bereichen zu durchaus guten Resultaten, in anderen jedoch (Gesundheitswesen, Bildung, Presse) ist die Gewinnorientierung verheerend.
  • Die bekannten Philosophen nach Aristoteles und vor Spinoza zum Beispiel haben nicht gerade zur Selbsterkenntnis des Menschen beigetragen, weil sie seine Affekte, Triebe und unbewussten Motive in ihren spitzfindigen oder kunstvollen Betrachtungen (z. B. Scholastik) einfach ignoriert haben.
  • Die Theologen haben schlicht Offenbarungen behauptet und sich so vor jeder Sinnfrage und tieferen Erkenntnis der Wirklichkeit gedrückt. Sie waren und sind, von Ausnahmen abgesehen, Protagonisten autoritärer „Religionen„.
  • Die durchaus vorhandenen wertvollen Erkenntnisse der Soziologie, der Verhaltensforschung, der Psychologie und der Neurowissenschaften werden von mächtigen Minderheiten für ihr Meinungsmanagement missbraucht.

Ist unsere Kultur ist das Produkt einer jahrtausendelangen Entwicklung hin zum Humanismus und zur Demokratie? Verdanken wir den Humanismus den Religionen? Mitnichten. Erst seit der Aufklärung, die parallel zur technischen Entwicklung verlief, also erst seit gut 300 Jahren, hat sich der Humanismus in Ansätzen entwickelt. Die Abwertung des Weiblichen besteht noch immer fort. Die Emanzipation hat sich damit begnügt, Frauen zur Männerwelt kompatibel zu machen und ihnen die Weiblichkeit abzugewöhnen. Viele Frauen stehen heute ihren Mann und haben sich die Abwertung des Weiblichen (nicht der Frau) zu eigen gemacht.

Wir haben uns die reichen Ressourcen der Erde untertan gemacht, haben gelernt, sie zu nutzen, haben großartige Technik entwickelt, aber wir scheitern am vernünftigen Einsatz der gegebenen Möglichkeiten.

Viele Menschen sind krank und unglücklich auch inmitten von Wohlstand und Überfluss. Selbst wenn sie wissen, was getan werden müsste, tun sie es oft nicht. Sie wollen das eine und können das andere nicht lassen. Es fällt ihnen leichter, gegen etwas vermeintlich Böses zu kämpfen, als sich für etwas Gutes einzusetzen.

Es gelingt ihnen immer weniger, ihre Lebenserfahrungen und ihre Haltung per Erziehung an ihre Kinder weiterzugeben, ihnen auch nur das Rüstzeug zu geben, das sie selbst einst bekommen hatten. Sie werden durch die Rahmenbedingungen gehindert und haben verlernt, worauf es bei der Erziehung ankommt. Die Gesellschaft wird immer kindlicher. Konsumhaltung und Wohlstandsverwahrlosung machen sich breit.

Menschen sind einerseits soziale Wesen, die einander gefallen möchten und Gruppen bilden. Andererseits grenzen sie sich ab und bekämpfen einander. Menschen sind fähig zur Liebe und zum Hass, zur Empathie und zur Gleichgültigkeit. Wie unvernünftig, verständnis- und oft auch erbarmungslos egoistisch der durchschnittliche Mensch unter seiner meist gefälligen Oberfläche sein kann, sieht man daran, wie die Menschen miteinander umgehen, wenn sie sich nicht gewogen und nicht aufeinander angewiesen sind.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft mit ausgeprägtem Konkurrenzverhalten. Die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen machen die Länder und die Menschen zu Konkurrenten. Hinter den freundlichen Kulissen der Öffentlichkeit toben brutale Kriege um Ressourcen und um Meinungshoheiten. Von einer Minderheit abgesehen sind die Menschen weder grundsätzlich tolerant, noch freundlich Fremden gegenüber, noch großzügig, noch treten sie mutig für Gerechtigkeit ein. Vielmehr verfolgen sie ganz eigennützige Ziele und wollen erfolgreicher sein als ihre Nachbarn. Sie sind oberflächlich an ihre Umgebung angepasst, um am materiellen Überfluss teilhaben zu können, der vieles kompensiert und von vielem ablenkt. Sie versuchen ihre kleinlichen Motive zu verbergen, wollen gefallen und keinen Anstoß erregen. Sie haben eine doppelte Moral. Fühlen sie sich unbeobachtet oder in der vermeintlichen Anonymität der Menge, fällt die Maske schnell.

Manche sind gar so sehr frustriert, das sei nur auf eine Gelegenheit warten, anderen Menschen mit dem Segen der Mächtigen oder im Namen vermeintlicher Gerechtigkeit oder Ehre Böses antun zu dürfen. Das zeigen die Geschichte und die große Beliebtheit von Gewalt-Filmen oder -Spielen, denen genau dieses Muster zugrunde liegt.

Dass wir in Deutschland seit Jahrzehnten in Frieden leben, dass Gewalttaten in unserem unmittelbaren sichtbaren Umfeld kaum vorkommen, dass die menschlichen Unzulänglichkeiten kaum auffallen, liegt weniger daran, dass die Menschen heute edler und gebildeter sind als diejenigen vor hundert Jahren, auch nicht daran, dass wir heute gerechte Gesellschaftsverträge hätten, es liegt vielmehr am Wohlstand hierzulande und an geschickter Propaganda. Ohne diesen Überfluss an Energie, Gütern und Ablenkungen wäre dieser soziale Friede längst brüchig. Ein allgemeiner Stromausfall würde die Menschheit in brutale Überlebenskämpfe stürzen. Fehlt es an Wohlstand, Teilhabe, Perspektive und Ablenkung oder gibt es aus Überdruss Widerstand dagegen, breiten sich Widerstand oder religiöser und politischer Fanatismus schnell aus.

Wir haben eine globale Führungsclique, die frei von jeder Moral agiert und in der der Zweck jedes Mittel rechtfertigt. Kriege zum Nutzen weniger werden mit modernsten Waffen geführt, Aufklärung und Humanismus bei Bedarf mit modernsten Erkenntnissen aus Psychologie, Soziologie und Pädagogik bekämpft. Die Mittel sind modern, die Motive jedoch sind steinzeitlich.