Vernunft

Ein einzelner Mensch kann sehr vernünftig sein – in manchen Angelegenheiten, zu manchen Zeiten, in manchen Gemütsverfassungen, in manchen Umgebungen. Eine fesselnde fantastische Geschichte interessiert ihn jedoch oft deutlich mehr als die Wahrheit. Und in Gruppen zählt die Vernunft des eingegliederten Einzelnen gar nicht mehr viel. Was zählt, ist das Gefühl.

Glaube und Unvernunft können harmlos, ja sogar hilfreich sein. Glaubt man beispielsweise an die Heilkraft eines Medikaments, so vermittelt der Glaube einem das Vertrauen, das nötig ist, Krankheiten, die überwiegend psychosomatisch begründet sind, zu überwinden. Selbst ein naiver oder gar irrationaler Glaube kann auf diese Weise hilfreiche Kräfte verleihen.

Himmel

 

Was man wissen kann, braucht man nicht zu glauben. Einiges wissen wir aus eigener Erfahrung. Einiges aus Berichten vertrauenswürdiger Mitmenschen, die es wiederum selbst erfahren haben. Und wieder anderes kennen wir nur vom Hörensagen, wobei die Quelle der ursprünglichen Erfahrung, falls es sie denn gibt, nicht mehr zu ermitteln ist.

Der Mensch sucht immer nach Sinn, Antworten und Gewissheiten. Doch wie schon Georg Rollenhagen (1542-1609) sagte:

“Wer leichthin glaubt, wird leicht betrogen.”

und mit Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916):

“Wer nichts weiß, muss alles glauben.”

Vieles haben wir unreflektiert übernommen, einfach weil es alle gesagt haben. Wir sind auf diese Weise stark durch Brauchtümer, Traditionen und Kultur geprägt. Das ist durchaus auch hilfreich. Doch manche dieser Überlieferungen sind viel zu undifferenziert oder gar schlicht falsch. Sie stammen aus Zeiten, wo die meisten Menschen kaum Zugang zu Bildung und Information hatten und entsprechend leichtgläubig waren. Nicht alles, was alt ist, muss auch richtig sein. Nicht alles, was immer schon so gemacht wurde, ist auch schlau. Wie schon Buddha (563-483) sagte:

“Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Überlieferungen, weil sie alt sind.”

Eigentlich müssten wir viele sogenannte Selbstverständlichkeiten kritisch überprüfen. Doch das ist mitunter enttäuschend und anstrengend dazu. Schon Gaius Julius Caesar (100-44) musste erkennen:

“Gern glauben die Menschen das, was sie wollen”

und Ludwig Marcuse (1894-1971) ergänzte:

“Denken ist eine Anstrengung, Glaube ein Komfort.”

Wir schließen uns der Weltanschauung an, in die wir hineingeboren wurden. Wir fühlen uns wohl in einer großen Gemeinschaft Gleichgesinnter. Leicht sehen wir dann unsere Anschauung in den schönsten Bildern und ordnen ihr alles andere unter. Wir verteidigen sie gegen jeden Einwand, wir verdrehen notfalls die Wahrheit, sind komplett unvernünftig und uneinsichtig, ohne es selbst zu bemerken. Wir sind umso leichtgläubiger und unvernünftiger, je früher, länger und öfter wir an Unsinn gewöhnt wurden, sei es durch religiöse und politische Dogmen, Propaganda oder durch Fiktion in Erzählungen, Büchern, Filmen und Spielen.

Wir sind umgeben von unvernünftigen Menschen, von Gruppenzwängen und autoritäre Strukturen. Da kann es freundlicher oder klüger sein, Nachforschungen zu unterlassen und heikle Fragen nicht zu stellen. Wenn wir starken Tabus oder fanatischen Ideologien begegnen, können wir sie um des persönlichen Vorteils oder des Friedens willen einfach auch wider besseres Wissen akzeptieren.

Angesichts der Schwierigkeiten mit der Vernunft und der Wahrheit ziehen sich inzwischen viele auf einen relativistischen und sehr toleranten Standpunkt zurück, der aber nicht wirklich ein Standpunkt ist, sondern geradezu die Vermeidung eines Standpunktes, eine Haltung, die zum Beherrschtwerden geradezu einlädt.