Wir sind die Guten

Wir sehen etwas Unrechtes, man berichtet uns von etwas Niederträchtigem, man zeigt uns den Feind. Wir solidarisieren uns spontan, schreiten ein und engagieren uns für das vermeintlich Gute. Doch das kann leicht nach hinten losgehen. Viele Dinge sind anders als sie auf den ersten Blick erscheinen und manche Solidaritätsbekundung ist bei genauerem Hinsehen dumm und billig.

 

Bevor wir uns unseren Gefühlen hingeben und voller Inbrunst zur Tat schreiten, uns empört distanzieren und angeekelt mit dem Finger auf andere Leute zeigen, sollten wir uns unbedingt einige Fragen beantworten:

  • Ist, was wir sehen, das ganze Bild?
  • Ist das Bild scharf und klar?
  • Verstehen wir die Zusammenhänge richtig?
  • Haben wir eine sichere und realistische Lösung für das Problem?
  • Wissen wir, was wir konkret tun müssen, um die Situation nachhaltig besser zu machen?
  • Ist die Situation im Falle unseres Erfolgs für alle Beteiligten wirklich besser?
  • Geht es uns wirklich um die Sache? (Oder dient sie uns vielleicht nur als Mittel zu einem selbstsüchtigen Zweck, zum Beispiel dem Abbau von Frust? Ist es eine persönliche Ersatzhandlung?)
  • Sind wir sicher, dass kein unrealistischer Wunsch der Vater oder die Mutter unserer Gedanken ist?

Wenn wir nur eine diese Fragen mit Nein beantworten müssen, dann sollten wir uns besser noch zurückhalten. Dagegen zu sein (wogegen auch immer), sich zu distanzieren (von wem auch immer) ist noch keine Leistung. Wenn man dadurch etwas zerstört, ohne etwas Besseres zu erbauen, ist das zwar vielleicht gut gemeint, wahrscheinlich aber schlecht gemacht.

Etwas unüberlegt pauschal zu kritisieren ist unverantwortlich (man polarisiert und entfacht Streit), billig und populistisch (man schlägt sich auf die Seite des vermeintlich Schwächeren, um im Beifall Gleichgesinnter und in Selbstgerechtigkeit zu baden) und dekadent (man weis nicht zu schätzen, was man hat, ist total verwöhnt und schüttet das Kind mit dem Bade aus ).

Es gibt fast nie richtige und falsche Entscheidungen, sondern nur bessere und schlechtere. Menschen mit der Neigung, es allen Recht machen zu wollen, scheuen und verbummeln auch dringende Entscheidungen. Menschen, die es einfach nur gut meinen, bereiten vielleicht eine Katastrophe vor, weil sie nicht zu Ende gedacht haben und der Wunsch Vater ihrer Gedanken gewesen ist. Sehr oft halten sie ihre kindliche Naivität gar für moralische Überlegenheit. Weitsichtige Menschen, die verantwortlich handeln, treffen, wenn es nötig ist, auch unpopuläre, schwere und für manche nachteilige oder gar harte Entscheidungen, so wie Eltern ihren Kindern gegenüber manchmal streng sein müssen, wenn diese die Gefahren nicht abschätzen können, die mit ihren Vorhaben einhergehen.

Manche Menschen ziehen willkürlich oder solidarisch rote Linien, bei deren Überschreitung sie glauben sich beliebig feindselig und aggressiv geben zu dürfen, mit Gottes oder der Mehrheit Segen grausam sein zu dürfen.

Die meiste Kritik und Besserwisserei kommt aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Dort mangelt es oft an durchschaubaren, reliablen, validen und objektiven Erkenntnissen, also an Fakten. Manche Vertreter dieser Disziplinen haben gar derart mangelhafte naturwissenschaftliche Grundkenntnisse, dass sie sich nicht einmal vorstellen können, dass es in der Naturwissenschaft nachprüfbare Fakten geben könnte. Sie sind fest davon überzeugt, es gäbe auch dort nur Ideen, Meinungen und Vorlieben. Sie argumentieren dann mit ihren Mitteln gegen Fakten an. Dabei bleiben sie sehr wortreich im Unverbindlichen, Widersprüchlichen und Unklaren oder flüchten sich in Wunschvorstellungen und Dogmen.

Die eigentliche Gefahr der Geisteswissenschaften aber geht von ihrem Missbrauchspotential aus. Man kann die gewonnenen Erkenntnisse über die Sehnsüchte und blinden Flecken der Menschen nicht nur zur positiven Entfaltung ihrer Persönlichkeiten nutzen, sondern auch für irreführende Propaganda zwecks Missbrauch und Ausbeutung.

Kritik kommt aber auch oft vorschnell aus einem Mangel an Geduld. Manche Dinge brauchen einfach Zeit, um sich zu entwickeln.

Was man hat, weiß man gewöhnlich erst zu schätzen, nachdem man es verloren hat.

Gewohnheiten schaffen vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Freiheit, Wohlstand und Frieden aber sind keine Selbstverständlichkeiten, man kann sie über Nacht verlieren. Das zeigt uns die Geschichte nachdrücklich. Daher ist es essentiell, Erreichtes täglich zu erkennen, wertzuschätzen und es nicht leichtfertig und unüberlegt auf Spiel zu setzen.