Wesentliches

Jeder von uns steht irgendwo, mit seiner Geschichte, mit seinen Wünschen, Hoffnungen und Absichten, mit seinen Ängsten und Lähmungen. Den Blick fest auf die Menschen, Bedürfnisse, Pflichten und Vergnügungen gerichtet, die uns umgeben, die wir in uns tragen, die wir uns ausgesucht haben oder die uns zugeflogen sind. Wir sind verstrickt in viele Abhängigkeiten, Details und scheinbare Zwänge. Wir haben ein Bild von der Welt und eine Haltung und Einstellung zu den Dingen, die uns täglich begegnen. Ob der vielen Eindrücke neigen wir dazu, das übergeordnete Ganze, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Wir nehmen das Gewöhnliche immer weniger wahr und konzentrieren uns auf die Abweichungen und Neuerungen. Wir sind vergesslich, berücksichtigen kaum unsere eigenen Erfahrungen und schon gar nicht die der früheren Generationen. Manches wollen wir nicht sehen, verdrängen es lieber.

Es ist also leicht möglich, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Was aber ist eigentlich das Wesentliche?

  1. Uns wurde das Leben geschenkt.
  2. Wir können Freude, Liebe und Frieden empfinden.
  3. Wir sind gesegnet mit Neugier und Phantasie.
  4. Wir haben einen wunderbaren Körper, der die Welt für uns erfahrbar macht.
  5. Wir sind umgeben von einer wahrlich großartigen Welt inmitten einer scheinbar unendlichen Weite von Raum und Zeit, die uns ehrfürchtig machen und uns ein Gefühl der Erhabenheit vermitteln kann, wenn wir nur hinschauen.
  6. Wir können gestaltend in die Welt eingreifen, können kraft unseres Willens Verantwortung für uns selbst und vorübergehend auch für andere übernehmen.
  7. Wir haben einen ausgeprägten Verstand, Zugriff auf vielfältige Informationen und können uns auf sehr viele Arten innerhalb unserer arbeitsteiligen Gemeinschaft einbringen und verwirklichen.
  8. Wir sind umgeben von materiellem Wohlstand und Überfluss. Unsere Zivilisation bietet uns ein Umfeld, in dem wir unsere Kinder großziehen und unsere Enkel aufwachsen sehen können.

Es ist gut, sich diese Fakten täglich bewusst zu machen.

Wir sind die Guten

Wir sehen etwas Unrechtes, man berichtet uns von etwas Niederträchtigem, man zeigt uns den Feind. Wir solidarisieren uns spontan, schreiten ein und engagieren uns für das vermeintlich Gute. Doch das kann leicht nach hinten losgehen. Viele Dinge sind anders als sie auf den ersten Blick erscheinen und manche Solidaritätsbekundung ist bei genauerem Hinsehen dumm und billig.

 

Bevor wir uns unseren Gefühlen hingeben und voller Inbrunst zur Tat schreiten, uns empört distanzieren und angeekelt mit dem Finger auf andere Leute zeigen, sollten wir uns unbedingt einige Fragen beantworten:

  • Ist, was wir sehen, das ganze Bild?
  • Ist das Bild scharf und klar?
  • Verstehen wir die Zusammenhänge richtig?
  • Haben wir eine sichere und realistische Lösung für das Problem?
  • Wissen wir, was wir konkret tun müssen, um die Situation nachhaltig besser zu machen?
  • Ist die Situation im Falle unseres Erfolgs für alle Beteiligten wirklich besser?
  • Geht es uns wirklich um die Sache? (Oder dient sie uns vielleicht nur als Mittel zu einem selbstsüchtigen Zweck, zum Beispiel dem Abbau von Frust? Ist es eine persönliche Ersatzhandlung?)
  • Sind wir sicher, dass kein unrealistischer Wunsch der Vater oder die Mutter unserer Gedanken ist?

Wenn wir nur eine diese Fragen mit Nein beantworten müssen, dann sollten wir uns besser noch zurückhalten. Dagegen zu sein (wogegen auch immer), sich zu distanzieren (von wem auch immer) ist noch keine Leistung. Wenn man dadurch etwas zerstört, ohne etwas Besseres zu erbauen, ist das zwar vielleicht gut gemeint, wahrscheinlich aber schlecht gemacht.

Etwas unüberlegt pauschal zu kritisieren ist unverantwortlich (man polarisiert und entfacht Streit), billig und populistisch (man schlägt sich auf die Seite des vermeintlich Schwächeren, um im Beifall Gleichgesinnter und in Selbstgerechtigkeit zu baden) und dekadent (man weis nicht zu schätzen, was man hat, ist total verwöhnt und schüttet das Kind mit dem Bade aus ).

Es gibt fast nie richtige und falsche Entscheidungen, sondern nur bessere und schlechtere. Menschen mit der Neigung, es allen Recht machen zu wollen, scheuen und verbummeln auch dringende Entscheidungen. Menschen, die es einfach nur gut meinen, bereiten vielleicht eine Katastrophe vor, weil sie nicht zu Ende gedacht haben und der Wunsch Vater ihrer Gedanken gewesen ist. Sehr oft halten sie ihre kindliche Naivität gar für moralische Überlegenheit. Weitsichtige Menschen, die verantwortlich handeln, treffen, wenn es nötig ist, auch unpopuläre, schwere und für manche nachteilige oder gar harte Entscheidungen, so wie Eltern ihren Kindern gegenüber manchmal streng sein müssen, wenn diese die Gefahren nicht abschätzen können, die mit ihren Vorhaben einhergehen.

Manche Menschen ziehen willkürlich oder solidarisch rote Linien, bei deren Überschreitung sie glauben sich beliebig feindselig und aggressiv geben zu dürfen, mit Gottes oder der Mehrheit Segen grausam sein zu dürfen.

Die meiste Kritik und Besserwisserei kommt aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Dort mangelt es oft an durchschaubaren, reliablen, validen und objektiven Erkenntnissen, also an Fakten. Manche Vertreter dieser Disziplinen haben gar derart mangelhafte naturwissenschaftliche Grundkenntnisse, dass sie sich nicht einmal vorstellen können, dass es in der Naturwissenschaft nachprüfbare Fakten geben könnte. Sie sind fest davon überzeugt, es gäbe auch dort nur Ideen, Meinungen und Vorlieben. Sie argumentieren dann mit ihren Mitteln gegen Fakten an. Dabei bleiben sie sehr wortreich im Unverbindlichen, Widersprüchlichen und Unklaren oder flüchten sich in Wunschvorstellungen und Dogmen.

Die eigentliche Gefahr der Geisteswissenschaften aber geht von ihrem Missbrauchspotential aus. Man kann die gewonnenen Erkenntnisse über die Sehnsüchte und blinden Flecken der Menschen nicht nur zur positiven Entfaltung ihrer Persönlichkeiten nutzen, sondern auch für irreführende Propaganda zwecks Missbrauch und Ausbeutung.

Kritik kommt aber auch oft vorschnell aus einem Mangel an Geduld. Manche Dinge brauchen einfach Zeit, um sich zu entwickeln.

Was man hat, weiß man gewöhnlich erst zu schätzen, nachdem man es verloren hat.

Gewohnheiten schaffen vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Freiheit, Wohlstand und Frieden aber sind keine Selbstverständlichkeiten, man kann sie über Nacht verlieren. Das zeigt uns die Geschichte nachdrücklich. Daher ist es essentiell, Erreichtes täglich zu erkennen, wertzuschätzen und es nicht leichtfertig und unüberlegt auf Spiel zu setzen.

Strenge und Gnade

Sowohl Strenge und Härte als auch Gnade und Barmherzigkeit sind angemessene Reaktionen auf Situationen.

Wer nicht streng sein kann, ist nicht gerecht. Wer nie barmherzig ist, ist unmenschlich.

Angemessene Strenge gibt Orientierung und Halt,  Gleichgültigkeit und Laissez-faire führen in die Verwahrlosung.

Wer zu oft nachgibt, wird übergangen. Wer zu unnachgiebig ist, macht sich viele Feinde.

Wenn die Klügeren immer nachgeben, regieren schließlich die Dummen die ganze Welt.

Wer seinem Kind alles durchgehen lässt und es zu sehr verwöhnt, schafft einen Faulenzer, einen Abhängigen oder einen Tyrannen, je nach Veranlagung des Kindes.

Manchmal muss man streng sein, eben weil man liebt.

Mit zu viel Nachsicht richtet man genau so viel Schaden an wie mit zu viel Strenge.

Gnade und Barmherzigkeit werden nur vom Einsichtigen anerkannt, Uneinsichtige lachen darüber.

Die Gnade des Schwachen ist wertlos, des Starken Gnade wird geschätzt.

Der Klügere streitet nicht um jede Kleinigkeit, in wichtigen Dingen aber ist er unnachgiebig.