Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft

Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gelten bei uns als Zeichen hoch entwickelter menschlicher Kultur und Ethik. Hilfsbreite Menschen werden ausgezeichnet und anderen als Vorbild präsentiert.

Keine Frage, Großzügigkeit, Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft sind gut – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

 

Hilfen können mehr schaden als nutzen, wenn man sie unbedacht vergibt.

Mögliche Folgen von Entwicklungshilfe sind beispielsweise, dass sich in den unterstützten Gebieten keine Wertschöpfung und keine Wirtschaft ausbilden können, dass alle Bemühungen der Menschen vergeblich sind und sie in Abhängigkeit verbleiben.

Jeder Eingriff, so auch jede Hilfe, hat Folgen. Es kann sein, dass gute Absichten negative Folgen haben, die vorher nicht bedacht wurden.

Lasse ich beispielsweise einen eigentlich wartepflichtigen Radfahrer die Straße überqueren und halte dafür unvermittelt an, könnte es in Folge zu einem Auffahrunfall hinter mir kommen.

Räume ich meinem Kind jedes Problem aus dem Weg, kann es gut sein, dass das Kind später verwöhnt und unfähig zu eigener Problemlösung und immer auf Hilfe angewiesen ist.

Fordere ich von meinen Mitarbeitern keine Leistung ein, kann es sein, dass sie sich vor jeder Verantwortung drücken.

Bevor man großzügig ist, sollte man die möglichen Folgen abwägen.

Da sich viele Helfer den Hilfsbedürftigen überlegen und diese sich mitunter den Vermögenden unterlegen fühlen, kann bei den Hilfsempfängern der Wunsch reifen, sich der Helfer irgendwann zu entledigen, um sich ihre Würde zu bewahren. Hilfe kann herablassend und beschämend sein. Dankbarkeit kann in Hass umschlagen, wenn der Beschenkte sich vom Schenkenden gekränkt fühlt.

Es kann schwerer sein, Hilfe anzunehmen, als Hilfe zu leisten.

Es kann aber auch sein, dass die Beschenkten die gebotene Hilfsbereitschaft als Schwäche des Helfers auslegen, den Helfenden also nicht ernst nehmen oder gar aufgrund seiner vermeintlichen oder tatsächlichen Schwäche verachten und ausnehmen, sobald sich die Gelegenheit bietet.

Großzügigkeit muss mit Strenge kombiniert werden. Was umsonst ist, ist nichts wert. Das gilt sowohl im Elternhaus, als auch in Schule, Firma und Staat.

Wer geschätzt werden will, muss Stärke zeigen. Wer glaubt, auf Achtung verzichten zu können, gibt seinen Einfluss, seine Verantwortung und seine Würde ab.

Gnade ist ohne Strenge auf Dauer nichts wert.

Mit gutem Willen allein kann man keine gerechte Weltordnung schaffen, man kann nicht einmal einen Garten damit erhalten.

Schon so manche gute Absicht hatte schlimme Folgen.

Standpunkte

Es hängt vom jeweiligen Standpunkt ab, wie man etwas bewertet.

So kann man Aussagen und Handlungen ganz unterschiedlich wertend beschreiben, beispielsweise

  • „auf Gefahren aufmerksam machen“ oder „Ängste schüren“
  • „sorgfältig abwägend“ oder „entscheidungsunfähig“ sein
  • „rhetorisch geschickt“ oder „demagogisch“ sein
  • „aufgeklärt religionskritisch“ oder „rassistisch religionsfeindlich“ sein
  • „vorsichtig zurückhaltend gegenüber Fremden“ oder „fremdenfeindlich“ sein
  • „entschieden gegen Rassismus vorgehen“ oder „Zwietracht sähen und Mitmenschen rücksichtslos diffamieren“
  • „mitfühlend und hilfsbereit“ oder „naiv und verantwortungslos“ sein
  • „ein engagiertes Vorbild“ oder „ein oberflächlicher Schaumschläger“ sein
  • ein „mutiger Abenteurer“ oder ein „gefährlicher Hasardeur“ sein
  • ein „bewundernswerter Mensch“ oder ein „geltungssüchtiger Angeber“ sein
  • „Kriegstreiber“ oder „Kriegsheld“ sein
  • jemanden „beschützen“ oder jemanden „seiner Freiheit berauben“
  • ein „Individualist“ oder ein „verschrobener Einzelgänger“ sein
  • jemanden „befreien“ oder jemanden „der Schutzlosigkeit preisgeben“
  • Menschen „inspirieren“ oder „verführen“

Obwohl die Dinge meistens nicht klar sind, machen sich die meisten Mitmenschen keine Gedanken und übernehmen die Meinung ihrer Umgebung. Sie haben nicht die Zeit oder kein Interesse, die Dinge zu hinterfragen.

Vernunft

Ein einzelner Mensch kann sehr vernünftig sein – in manchen Angelegenheiten, zu manchen Zeiten, in manchen Gemütsverfassungen, in manchen Umgebungen. Eine fesselnde fantastische Geschichte interessiert ihn jedoch oft deutlich mehr als die Wahrheit. Und in Gruppen zählt die Vernunft des eingegliederten Einzelnen gar nicht mehr viel. Was zählt, ist das Gefühl.

Glaube und Unvernunft können harmlos, ja sogar hilfreich sein. Glaubt man beispielsweise an die Heilkraft eines Medikaments, so vermittelt der Glaube einem das Vertrauen, das nötig ist, Krankheiten, die überwiegend psychosomatisch begründet sind, zu überwinden. Selbst ein naiver oder gar irrationaler Glaube kann auf diese Weise hilfreiche Kräfte verleihen.

Himmel

 

Was man wissen kann, braucht man nicht zu glauben. Einiges wissen wir aus eigener Erfahrung. Einiges aus Berichten vertrauenswürdiger Mitmenschen, die es wiederum selbst erfahren haben. Und wieder anderes kennen wir nur vom Hörensagen, wobei die Quelle der ursprünglichen Erfahrung, falls es sie denn gibt, nicht mehr zu ermitteln ist.

Der Mensch sucht immer nach Sinn, Antworten und Gewissheiten. Doch wie schon Georg Rollenhagen (1542-1609) sagte:

“Wer leichthin glaubt, wird leicht betrogen.”

und mit Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916):

“Wer nichts weiß, muss alles glauben.”

Vieles haben wir unreflektiert übernommen, einfach weil es alle gesagt haben. Wir sind auf diese Weise stark durch Brauchtümer, Traditionen und Kultur geprägt. Das ist durchaus auch hilfreich. Doch manche dieser Überlieferungen sind viel zu undifferenziert oder gar schlicht falsch. Sie stammen aus Zeiten, wo die meisten Menschen kaum Zugang zu Bildung und Information hatten und entsprechend leichtgläubig waren. Nicht alles, was alt ist, muss auch richtig sein. Nicht alles, was immer schon so gemacht wurde, ist auch schlau. Wie schon Buddha (563-483) sagte:

“Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Überlieferungen, weil sie alt sind.”

Eigentlich müssten wir viele sogenannte Selbstverständlichkeiten kritisch überprüfen. Doch das ist mitunter enttäuschend und anstrengend dazu. Schon Gaius Julius Caesar (100-44) musste erkennen:

“Gern glauben die Menschen das, was sie wollen”

und Ludwig Marcuse (1894-1971) ergänzte:

“Denken ist eine Anstrengung, Glaube ein Komfort.”

Wir schließen uns der Weltanschauung an, in die wir hineingeboren wurden. Wir fühlen uns wohl in einer großen Gemeinschaft Gleichgesinnter. Leicht sehen wir dann unsere Anschauung in den schönsten Bildern und ordnen ihr alles andere unter. Wir verteidigen sie gegen jeden Einwand, wir verdrehen notfalls die Wahrheit, sind komplett unvernünftig und uneinsichtig, ohne es selbst zu bemerken. Wir sind umso leichtgläubiger und unvernünftiger, je früher, länger und öfter wir an Unsinn gewöhnt wurden, sei es durch religiöse und politische Dogmen, Propaganda oder durch Fiktion in Erzählungen, Büchern, Filmen und Spielen.

Wir sind umgeben von unvernünftigen Menschen, von Gruppenzwängen und autoritäre Strukturen. Da kann es freundlicher oder klüger sein, Nachforschungen zu unterlassen und heikle Fragen nicht zu stellen. Wenn wir starken Tabus oder fanatischen Ideologien begegnen, können wir sie um des persönlichen Vorteils oder des Friedens willen einfach auch wider besseres Wissen akzeptieren.

Angesichts der Schwierigkeiten mit der Vernunft und der Wahrheit ziehen sich inzwischen viele auf einen relativistischen und sehr toleranten Standpunkt zurück, der aber nicht wirklich ein Standpunkt ist, sondern geradezu die Vermeidung eines Standpunktes, eine Haltung, die zum Beherrschtwerden geradezu einlädt.